Die Leiden und (Vor-) Lieben des Alfred B.
Eine zur Abwechslung gedachte, aber etwas aus der Art gefallene Konzertbetrachtung

Selber gesehen und gehört im Konzert am 01.03.2000 in der Philharmonie Köln, wo Alfred Brendel in der Reihe «Piano Spezial» Werke von Haydn, Mozart und Schubert vorstellte; eine Programmwahl, die nicht nur in letzter Zeit zu den Vorlieben dieses Pianisten zählt. Dies zeigte er auch ganz deutlich dadurch, daß er alle Wiederholungen spielte, was sonst nicht seine Art ist.


In seinen veröffentlichten Texten hat Brendel das Kölner Publikum ganz besonders bedacht mit der „Kölner Hust- und Klatschgemeinschaft“.

Die „Falschklatscher“ waren gestern Abend wohl zu Hause geblieben, dafür aber alle Mitglieder der Bronchialerkrankten anwesend, so daß Brendel bereits im Übergang zum 2. Satz der es-dur Sonate von Haydn resigniert die Hände gen Parkettboden fallen ließ, in sich versank und dadurch den Eindruck vermittelte, wohl gleich im Flügel zu verschwinden.
Als die Räusperanfälle trotzdem nicht nachließen, erhob Brendel seinen nach unten gebeugten Oberkörper vorsichtig und blickte quälend vorwurfsvoll zum Publikum, welches augenblicklich artig und ruhig wurde.

Damit ihm dies nicht auch beim Übergang zum 3. Satz passierte und er wohl bedachte, daß nicht alle Anwesenden seine Mimik verfolgen konnten, hob er rechtzeitig – wie zum Dirigat angesetzt – seinen linken Arm und siehe da: es funktionierte in der Tat, so daß er ohne weitere Störungen die Sonate vollenden konnte.

Nach wie vor wohl skeptisch, ließ er den geräuschwilligen Zuhörern auch im zweiten Stück, der b-dur Sonate KV 333 von Mozart, keine Gelegenheit zur Unterbrechung seines Vortrages, in dem er einfach die Pausen zwischen den Sätzen auf Bruchteilchen beschränkte.

Daß Brendel bei seinem Spiel einen angestrengten Gesichtsausdruck trägt, ist ja bekannt, aber auch die Heiterkeit, die er in der Sonate sieht, kommt dabei gut zum Ausdruck. Mit einer Mischung aus beidem schaute er während der kurzen Übergänge unbeteiligt ins Publikum, so daß man meinte, ihn verschmitzt sagen zu hören: ...zu spät, meine Lieben, ich spiele schon weiter...!

Nach Rückkehr aus der wohlverdienten Pause demonstrierte er, daß das h-moll Adagio von Mozart kein Werk ist, welches so trocken wie die Luft in der Philharmonie sein muß. Dieses eher ruhige und besinnliche Stück wurde diesmal wenig gestört, da sich das Publikum in der Pause den Staub aus der Kehle spülen und sich erneut mit Hustenbonbons eindecken konnte.
Die abschließende a-moll Sonate D. 845 von Schubert konnte er ebenfalls ohne nennenswerte Einbrüche in voller „himmlischer“ Länge präsentieren, obwohl er zwischen dem 1. und 2. Satz dem Publikum mehr als deutlich zu verstehen gab, daß es jetzt Zeit zum Lärmen hätte, in dem er sich demonstrativ mit seinem Taschentuch den nicht vorhandenen Schweiß abwischte.

Danach jedoch waren die Zuhörer derart gefesselt von Brendels Ausbrüchen des Schubertschen Spätwerkes, daß einige schon das Atmen vergaßen.
Belohnt wurde die im zweiten Teil eingekehrte Ruhe mit dem ges-dur Impromptu von Schubert, womit Brendel sein Publikum wiederum derart bezauberte, daß man meinte, alle Anwesenden wären über die 6-minütige Dauer zu Salzsäulen erstarrt.
Aufgrund der angereisten Düsseldorfer „Bravo-Rufer“ und des nicht enden wollenden Applauses spielte Brendel noch den Schlußsatz der c-dur Sonate Hob. XVI Nr. 50 – und hier hätte selbst ein tauber Besucher durch Brendels Mimik und Gestik die Gelegenheit gehabt zu s e h e n, wie komisch und lustig Haydns Musik durch eine solche Interpretation doch sein kann.

Goldmedaille für Brendels Auftritt mit integriertem Dirigat des Publikums; die Kölner Hustgemeinschaft bekam diesmal leider keinen Preis zugeteilt.

© Jürgen Sack, März 2000


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